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Elektrotechnik

Lichtenberg-Figur

Englisch: Lichtenberg figure

Verästelungsmuster auf der Oberfläche eines Isolators, der einer elektrischen Entladung ausgesetzt wurde.

Lichtenbergfigur: die Narbe, die Elektrizität in der Isolierung hinterlässt

Eine Lichtenbergfigur ist ein verzweigtes, baumartiges Muster, das auf der Oberfläche eines Isolierstoffes nach einem Hochspannungsdurchschlag oder einer Hochspannungsentladung entsteht. Das Muster ähnelt der Verzweigung eines Flussdelta oder den Ästen eines blattlosen Baumes und markiert den Weg, den der elektrische Strom beim Durchschlag durch das Material genommen hat. Diese Figuren sind nicht nur oberflächliche Beschädigungen; sie zeigen die tatsächliche Bahn der Ionisierung und des dielektrischen Durchbruchs, die bei dem Entladungsereignis aufgetreten sind.

Das Muster entsteht, weil sich eine elektrische Entladung durch einen festen Isolierstoff nicht geradlinig ausbreitet. Stattdessen folgt sie dem Weg des geringsten Widerstands und verzweigt sich dabei mehrfach, während das elektrische Feld den Werkstoff ionisiert. Jede Verzweigung stellt einen Stufenionisationsprozess dar, bei dem die Vorderkante der Entladung einen leitfähigen Kanal erzeugt, der sich in immer feinere Äste aufteilt. Das Ergebnis ist ein hochcharakteristisches dendritisches oder fraktalartiges Muster, das für den elektrischen Durchbruch typisch ist.

Erscheinungsbild und Werkstoffe

Das visuelle Erscheinungsbild ist materialabhängig. In Epoxidharzen und Phenolharzen erscheint die Figur typischerweise als dunkle, verkokelte oder abgetragene Linien auf hellerem Untergrund. In polymeren Folien oder Verbundwerkstoffen kann das Muster als heller Weg sichtbar sein, wo Material verdampft oder chemisch verändert wurde. Die Größe reicht von mikroskopischen Mustern (Millimeter) bei Dünnschicht-Durchbruch bis zu großen sichtbaren Figuren (Zentimeter oder mehr) in massiven Gussisolierungen. Das Muster ist üblicherweise unsymmetrisch und erstreckt sich vom Punkt der Entladungseinleitung nach außen, wie Äste, die von einem Hauptstamm ausstrahlen.

Lichtenbergfiguren treten häufig bei der forensischen Schadensanalyse von Elektrogeräten auf. Ihre Untersuchung hilft Ingenieuren, die Richtung und Energie der Entladung zu bestimmen, den Ausfallort zu identifizieren und festzustellen, ob der Durchbruch thermisch (Erwärmung des Materials bis zur Ionisierung) oder elektrisch (direkter dielektrischer Fehler) bedingt war. In Hochspannungsschaltanlagen, Kabelendverschlüssen und Transformatorwicklungen signalisiert eine Lichtenbergfigur einen katastrophalen Isolierungsfehler und die Notwendigkeit zum Austausch oder zur Untersuchung des auslösenden Ereignisses, etwa Verschmutzung, Feuchte oder Überspannung.

Das Phänomen ist nach Georg Christoph Lichtenberg benannt, einem Physiker des 18. Jahrhunderts, der das Muster erstmals dokumentierte, als elektrische Entladungen durch isolierende Pulver auf leitfähigen Platten geleitet wurden. Der Name hat sich in der Elektrotechnik trotz des unterschiedlichen und deutlich industrielleren Kontexts moderner Hochspannungsgeräte erhalten. Heute ist die Fähigkeit, Lichtenbergfiguren zu erkennen und zu interpretieren, eine Schlüsselkompetenz bei der Zustandsbewertung und Fehlermodellanalyse von Isolierstoffen und dielektrischen Materialien im Betrieb.

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