Fat Lava
Englisch: fat lava
Ein buntes, lebendiges Keramikdekorationsstil, der von den 1950er bis 1970er Jahren in Westdeutschland verbreitet war.
Fat Lava: Westdeutsche Keramikglasurtechnik, 1950er bis 1970er Jahre
Fat Lava bezeichnet ein charakteristisches Glasur- und Dekorationsverfahren, das primär von westdeutschen Keramikherstellern zwischen den 1950er und frühen 1970er Jahren angewendet wurde. Die Technik erzeugt dicke, mehrschichtige Glasuren mit kühnen, oft vulkanisch wirkenden Läufen und Abläufen an den Gefäßseiten. Die Glasur setzt sich in großzügigen Mengen ab und erzeugt dabei echte physische Struktur und Tiefenwirkung statt flacher Oberflächendekoration. Stücke mit dieser Behandlung sind sofort erkennbar an ihren leuchtenden Farbkontrasten, die üblicherweise leuchtende Primärfarben, Erdtöne oder metallische Glasuren in bewusst gesetzten Tropfen und Pfützen kombinieren.
Der Produktionsprozess beruht darauf, mehrere Glasurschichten aufzutragen, während das Stück noch ledertrocken oder im Grünzustand ist. Töpfer nutzen die natürliche Bewegung der geschmolzenen Glasur beim Brennen, um jene charakteristischen lavaahnlichen Läufe zu erzeugen. Hochalumina-Glasuren und speziell formulierte Keramikkörper ermöglichen die dicke Auftragung ohne katastrophale Läufe oder Formverlust. Brenntemperatur und Offenatmosphäre werden sorgfältig kontrolliert, um das charakteristische matte oder halbglänzende Finish zu erreichen und zu verhindern, dass die Glasur das Stück an der Ofenplatte verschmilzt.
Hersteller und Marktkontext
Produzenten wie Scheurich, Bay Ceramics und Carstens bauten ihren kommerziellen Erfolg während des Nachkriegswirtschaftsbooms auf Fat-Lava-Waren auf. Diese Gefäße, typischerweise Vasen und Pflanzschalen, fanden begeisterte Abnehmer in Innenarchitektur und Wohnungsdekoration. Der Stil entsprach dem mittelmodernen Geschmack für organische Formen und handwerklich finierte Oberflächen bei gleichzeitiger Erschwinglichkeit durch halbindustrielle Produktion. Die meisten Stücke waren unsigniert oder trugen nur eine eingepresste Herstellermarke oder ein Papieretikett.
Die Technik verschwand in den 1970er Jahren rapide, da sich die Designmode von strukturierter, farbenfroher Keramik zu sauberen Linien und neutralen Farbpaletten verschob. Moderne Sammler schätzen authentische Fat-Lava-Stücke, besonders ungekennzeichnete Beispiele von kleineren Töpfereien, was eine Sekundärmarkt-Nachfrage erzeugt hat. Industrielle Töpfer wenden diese Methode heute selten an, obwohl sie in Kleinserien-Künstlerkeramik und Dekorativarbeiten fortbesteht.
Der Begriff "Fat Lava" selbst ist Sammlerslang, kein Industriestandard. Der anschauliche Name beschreibt die visuelle Wirkung präzise: die dicke, langsam fließende Glasur ähnelt Lavastrom. In Fachliteratur und akademischen Keramiktexten wird solche Arbeit formaler als Strukturglasur oder aufgetragene Schlickerdekoration bezeichnet, aber der umgangssprachliche Begriff hat sich unter Händlern, Enthusiasten und Museumsfachleuten als dominant durchgesetzt.