Stollenbau
Englisch: sidetrack
Ein kleinerer Stollen oder Bohrloch, das als Hilfsanlage von einem Hauptstollen oder Bohrloch abzweigt.
Seitenbohrung: ein Umgehungsbohrloch, das von der Hauptbohrung abzweigt
Eine Seitenbohrung ist ein Bohrloch, das von einem bestehenden Bohrloch unter einem Winkel abzweigt, statt geradewegs in das Hauptloch hinunterzugehen. Sie wird gebohrt, indem die Bohrgarnitur von der ursprünglichen Bohrlochtrajektorie seitlich abgelenkt wird, wobei spezialisierte Richtungsbohr-Techniken und Werkzeuge zum Einsatz kommen. Die Seitenbohrung startet typischerweise von einem Abweichungspunkt in größerer Tiefe als an der Oberfläche. Das ermöglicht den Betreibern, neue Lagerstättenzonen zu erschließen, geologische Gefahren zu umgehen oder mehrere fündige Zonen von einer einzigen Oberflächenlokation aus auszubeuten.
Die praktischen Gründe für Seitenbohrungen sind wirtschaftlicher und technischer Natur. Eine Seitenbohrung spart die Kosten und Zeit für das Abteufen eines völlig neuen Bohrlochs von der Oberfläche, was möglicherweise ohnehin unmöglich ist, wenn die Oberflächenlokation besetzt oder gesperrt ist. Sie werden häufig eingesetzt, um unterirdische Hindernisse wie Salzdome, Zirkulationsverlust-Zonen oder instabile Formationen zu umgehen, die das ursprüngliche Bohrloch beschädigt haben. In Mehrschichten-Feldern kann eine Seitenbohrung von der gleichen Verrohrung aus verschiedene fündige Horizonte in unterschiedlichen Tiefen und Winkeln erschließen.
Eine Seitenbohrung erfordert einen schrittweisen Winkelaufbau vom abgelenkten Abweichungspunkt aus, üblicherweise mit Bent-Housing-Systemen, Rotary-Steerable-Systemen oder Whipstock-Werkzeugen. Der Winkel kann von sanften Abweichungen von 10 bis 15 Grad bei moderaten Seitenbohrungen bis zu 45 bis 60 Grad oder steiler bei aggressiveren Bohrungen reichen. Die Seitenbohrung wird normalerweise vom ursprünglichen Bohrloch mit einem Zementpfropfen oder mechanischen Isolationswerkzeug am Abweichungspunkt abgetrennt, wodurch eine hydraulische Barriere zwischen den beiden Bohrungen entsteht.
Häufige Ausfallmoden sind der Verlust der Winkelkontrolle beim Winkelaufbau, der dazu führt, dass die Seitenbohrung mit der ursprünglichen Bohrlochtrajektorie wieder zusammentrifft oder sie unbeabsichtigt schneidet. Keyseating, das Ausschleifen der Bohrlochwand durch Rotation am Abweichungspunkt, kann die Verrohrung schwächen oder die Seitenbohrung isolieren. Festgefahrene Bohrgarnitur tritt ebenfalls häufig bei hochgradigen Seitenbohrungen auf, bedingt durch erhöhte Reibung und ungleichmäßige Lochspülung in abgelenkten Abschnitten.
Der Begriff spiegelt die verzweigte Natur der Bohrlochs-Geometrie wider: die Seitenbohrung ist buchstäblich ein Weg auf die Seite des Hauptbohrlochs. Im Bergbau ist das Konzept ähnlich, wird aber auf unterirdische Entwicklungsstrecken angewendet, wo eine Seitenbohrung vom Hauptschacht oder vom Stollen seitlich abzweigt, um Erzkörper zu erschließen oder Belüftungswege bereitzustellen. Der Name hat sich über mehr als ein Jahrhundert hinweg in beiden Branchen konsistent erhalten.