Kustos
Englisch: catchword
Ein Wort am Ende einer Buchseite, das das erste Wort der folgenden Seite wiederholt; solche Wörter dienten dem Buchbinder zur schnellen Kontrolle der korrekten Blattplatzierung und waren auch für manche Leser Lesehilfen.
Stichwort: Kustos als Orientierungshilfe des Buchbinders beim Seitenwechsel
Ein Kustos ist ein einzelnes Wort, das in der unteren rechten Ecke einer Seite gedruckt wird und das erste Wort wiederholt, das auf der nächsten Seite erscheint. Vor modernen Bindemaschinen und Qualitätskontrolle diente dieser kleine Ankerpunkt Buchbindern, um zu überprüfen, dass gefaltete Lagen in korrekter Reihenfolge und Ausrichtung gestapelt waren. Ein verlegter Bogen oder eine umgedrehte Lage fiel sofort auf, wenn der Kustos nicht mit der folgenden Seite übereinstimmte.
Die Praxis entstand im fünfzehnten Jahrhundert, als der Buchdruck die Buchform standardisierte. Bei der handgebundenen Arbeit konnte ein Binder, der mit einem Stapel gedruckter Lagen arbeitete, die Ausrichtung und Reihenfolge überprüfen, indem er nur auf das Seitenende schaute, statt komplette Texte zu lesen oder Seiten manuell zu zählen. Dies war besonders wertvoll für große Bücher mit vielen Lagen, bei denen eine fehlplatzierte Lage unter Dutzenden unbemerkt bleiben konnte, bis das Buch geheftet war und es zu spät für eine Korrektur wurde.
Kustosse fungierten auch als Lesehilfe. Leser des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts schätzten das visuelle Signal, das den Blick von einer Seite zur nächsten lenkte und Kontinuität im Textfluss schuf. Einige Drucker und Verleger betrachteten sie als unverzichtbar für Lesbarkeit und Leserkomfort, andere sahen darin eher ein störendes Element. Ihr Vorhandensein oder Fehlen wurde zu einer Frage des Hausstils und der geschäftlichen Vorliebe.
Rückgang durch Mechanisierung
Mit der Verbreitung von mechanisierten Bindemaschinen, Lagenzusammenstellungsmaschinen und moderner Collatiertechnik ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Kustosse überflüssig. Maschinen konnten die Seitenreihenfolge mit deutlich größerer Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit überprüfen als das menschliche Auge. Automatisiertes Falten und Zusammenstellen machte manuelle Kontrollen obsolet. Heute erscheinen Kustosse hauptsächlich in Faksimileausgaben, wissenschaftlichen Neudrucken und historischen Reproduktionen, bei denen Authentizität zum Original das Ziel ist.
Der Begriff bleibt in der Buchgeschichte und Konservierungsarbeit als Hinweis auf vormoderne Druckpraxis erhalten. Das Vorhandensein oder Fehlen von Kustosse in einem Buch, ihre Schriftart und ihre Platzierung sind alle Hinweise auf Datum, Drucker und Bindereimethode. Für Sammler und Konservatoren sind Kustosse aussagekräftig: Ihr Stil verrät zuverlässig etwas über Zeit und Ort der Buchherstellung.