Faktotum
Englisch: factotum
Ein großer dekorativer Druckstock mit einer zentralen Öffnung, in die ein beliebiger Buchstabe eingesetzt werden kann; wird zum Kennzeichnen des Kapitelandfangs in frühen Druckwerken verwendet.
Factotum: der wiederverwendbare Initialienstock, der Setzarbeit sparte
Ein Factotum ist ein zusammengesetzter Druckstock aus Metall oder Holz, der einen ornamentalen Rahmen oder dekorativen Schmuck mit einem leeren rechteckigen Feld in der Mitte enthält. In dieses Feld konnte eine einzelne Typenletter mit beliebigen Buchstaben des Alphabets eingesetzt und arretiert werden. So konnten Drucker illuminierte Initialen oder Großbuchstaben am Kapitelanfang gestalten, ohne für jeden Buchstaben einen eigenen Block in Auftrag zu geben oder zu schneiden.
Die Technik entstand Ende des 15. Jahrhunderts und wurde im 16. Jahrhundert in europäischen Druckereien verbreitet. Ein einzelner Factotum-Stock maß etwa 3 bis 4 Zentimeter im Quadrat, die mittlere Aussparung war für Standard-Lettern aus der Gießerei bemessen. Der dekorative Rahmen konnte Akanthusblätter, florale Schnörkel, geometrische Muster oder Wappenelementen zeigen, je nach angestrebter Pracht des Buches und den Mitteln des Druckers. Bei großen Auflagen konnte ein Factotum-Design hunderte Male über verschiedene Bücher hinweg oder sogar innerhalb desselben Bandes verwendet werden.
Praktische Vorteile und Grenzen
Der Factotum löste einen echten Engpass in der Produktion. Für jeden anderen Initialbuchtaben in einem langen Buch einen einzigartigen Holzschnitt oder Stich in Auftrag zu geben war teuer und zeitaufwendig. Mit dem Factotum-System wählte der Setzer einfach die benötigte Letter aus und setzte sie während der Formherstellung in den Rahmenstock. Das Verfahren erforderte Genauigkeit: die Letter musste fest sitzen, ohne zu wackeln, und die Typenhöhe musste exakt passen, damit der Buchstabe beim Druck zusammen mit dem dekorativen Rahmen sauber und mit gleicher Pressung abdruckte.
Die Beschränkung lag auf der Hand: der mittlere Buchstabe wurde immer in einer Farbe und Stärke gedruckt, passend zur Texttype. Jede Abweichung in Größe oder Stil des Buchstabens erforderte einen anderen Factotum-Stock. Drucker, die stärkere Effekte wollten oder deren Bücher mehr dekorative Vielfalt verlangten, ließen sich stattdessen eigens geschnittene Initialen anfertigen. Mit dem Wechsel zu schlichterer Typografie und schnellerem Druck im 17. und 18. Jahrhundert verschwand der Factotum allmählich aus der Mode, wurde aber im Volks- und Provinzialdruck bis ins 19. Jahrhundert hinein noch verwendet.
Der Name kommt vom lateinischen fac totum, was 'alles machen' oder 'Alleskönner' bedeutet. Der Begriff erfasst die Flexibilität des Stocks: ein Objekt, das sechsundzwanzig oder mehr verschiedene Buchstaben aufnahm (auch Varianten mit Umlauten), wodurch der Drucker weniger spezialisierte Ausrüstung brauchte und dennoch ein einheitliches Erscheinungsbild über das ganze Buch hinweg erzielte.